Interview mit Silke Klaußner, Projektleitung Wildbachschule im Hainbachtal

Frau Klaußner, demnächst beginnen auf dem Gelände der Werkstätten Hainbachtal die Bauarbeiten für eine Grundschule. Wann geht es los und wann soll die Schule eröffnet werden?

Zunächst werden nach den Herbstferien die Abrissarbeiten beginnen und im Anschluss die Bauarbeiten. Die Schule wird dann zum kommenden Schuljahr, also im August 2018, eröffnet.

Die Wildbachschule wird eine Grundschule sein. Welche Jahrgangsstufen sollen dort unterrichtet werden?

Wir beginnen im August nächsten Jahres mit zwei 1. Klassen und nehmen in den darauffolgenden drei Jahren wieder jeweils zwei Klassen auf, so dass die Schule nach vier Jahren mit acht Klassen ausgelastet ist.

In der Wildbachschule werden die Kinder der Klassen 1 und 2 sowie der Klassen 3 und 4 in gemeinsamen Lerngruppen unterrichtet. Auf diese Weise wird durch das „Schon-Können“ und das „Noch-nicht-Wissen“ das natürliche Von-und-Miteinander-Lernen und gegenseitige Helfen der Kinder untereinander angeregt.

Das Konzept sieht eine Draußenschule vor. Was bedeutet das konkret?

Im Konzept der skandinavischen „Udeskole“ findet der Unterricht von Grundschulkindern unabhängig von Witterung und Jahreszeit für einen Tag in der Woche außerhalb des Klassenzimmers statt. Die Idee der Draußenschule passt zu der für die Wildbachschule verfolgten Vorstellung von einem ganzheitlichen und fächerübergreifenden Lernen, das dem natürlichen, beiläufigen Lernen aller Kinder nahe kommt. Nicht das Erreichen von Kompetenzen durch das Lernen von Wissensbeständen im Klassenzimmer steht allein
im Vordergrund, sondern das tätige Erleben, die unmittelbare Erfahrung ermöglichen vielfältige Erfahrungen und Kompetenzerwerb in unterschiedlichen Natur- und Kulturräumen. Die didaktische Vorbereitung und unterrichtliche Durchführung des Draußentages ermöglicht die Reflexion der Lerngruppe hinsichtlich erreichter Kompetenzen, Erkenntnisse und erlebten Verstehensleistungen. Daneben variiert die Draußenschule die Aspekte Raum, Zeit und Körper, öffnet besondere Möglichkeiten des Forschens und Entdeckens, der Anwendung gelernter Kulturtechniken, der Gesundheitserziehung und körperlich-leiblicher Erfahrungen.

Die Wildbachschule wird inklusiv arbeiten. Gibt es hierzu schon ein Konzept?

Das Konzept sieht vor, dass in der Wildbachschule Kinder mit unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten sowie mit und ohne Behinderung zusammengeführt werden. Es entsteht eine Mischung von Kindern ohne prinzipielle Ausgrenzung oder Besonderung. In jeder Lerngruppe von maximal 22 Kindern gibt es jeweils 5 Kinder mit verschiedenen Behinderungen. Hier geht es nicht mehr darum, ein besonderes Kind mit Handicap in eine ansonsten möglichst homogene Gruppe zu integrieren, sondern darum, gezielt mit der Verschiedenheit aller Kinder zu arbeiten und zu leben.

Ein Schwerpunkt der Schule wird Sprache sein. Was soll hierzu angeboten werden?

Gegenseitige Verständigung und kulturelle Vermittlung sollen in der Wildbachschule mit einem besonderen Augenmerk auf das Sprachen-Lernen verknüpft werden. Bevor Englisch im 3. Schuljahr als Fremdsprache vermittelt wird, beginnen die Schülerinnen und Schüler der Wildbachschule bereits ab dem ersten Schultag mit der Gebärdensprache als gemeinsamer Fremdsprache. Wöchentlich werden neue Gebärden gelernt, die mit den Inhalten des Unterrichts und dem gemeinsamen Erleben in der Freizeit verknüpft sind. Die Kinder erhalten auf diese Weise im Laufe ihrer Grundschuljahre einen umfassenden Einblick in die Welt der Gebärden und erwerben beiläufig besondere Kenntnisse und Fähigkeiten, die für das Leben in einer inklusiver werdenden Gesellschaft hilfreich sind.
Die Sprachförderung richtet sich so auf die deutsche Sprache, die Gebärdensprache, auf Englisch als Fremdsprache ab Klassenstufe 3 und bei manchen Kindern zusätzlich auch auf die Herkunftssprache. Die kindliche Aufmerksamkeit wird zu wechselnden Gelegenheiten des Schultages auf sprachliche Besonderheiten und Schwerpunkte gelenkt. Dabei erhält der spielerische, aber auch der formale Wortschatz- und Sprachaufbau einen durchweg großen Stellenwert. Gesprochene und Schriftsprache wird durch Gebärdensprache ergänzt und auf diese Weise aus anderer Perspektive körperlich ge- und erlebt und verstanden. Achtsamkeit in Bezug auf unterschiedliche Herkunftssprachen und -kulturen ermöglicht kulturelle Vermittlung und Öffnung: die Kinder üben vielfältige und vielschichtige Verständigung – wie dies in der Lebenspraxis heute notwendig ist.

Ein weiterer Schwerpunkt wird Lernen durch Bewegen und Forschen sein. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Im Wesentlichen ist das der Aspekt der Draußenschule. Zusätzlich werden wir eine Forscherwerkstatt in der Schule haben, in der z.B. Experimente durchgeführt werden können. Selbstverständlich wird es auch Schulsport geben. Daneben finden auch Ausflüge und AGs am Nachmittag ihren Platz.

Wie werden die Schulzeiten sein?

Jeder Schultag beginnt für alle Kinder der Wildbachschule ab 7.30 Uhr bis 8.00 Uhr mit einer Gleitzeit. In dieser Zeit kommen die Schülerinnen und Schüler in der Schule an, wechseln die Schuhe, verstauen Mitgebrachtes, spielen, erzählen, bringen etwas Angefangenes zuende, beginnen schon mal mit ihrer Wochenplanarbeit etc. Für manche
bedeutet das Ankommen in der Schule auch, dass sie hier etwas essen können, bis um 8 Uhr für alle verbindlich die Unterrichtszeit beginnt. Zwischen 15.30 und 16:30 Uhr können die Kinder am Nachmittag abgeholt werden.

Was wird am Nachmittag angeboten?

Das gebundene Ganztagsangebot ermöglicht es, nach dem gemeinsamen Mittagessen ein lerngruppenübergreifendes Angebot für Arbeitsgemeinschaften (z.B. Psychomotorik, Hand-Werken, Fremde Länder – Fremde Sprachen…) zu machen, in das sich die Kinder halbjährlich einwählen können. Die Angebote sind inhaltlich vielfältig und variieren von Halbjahr zu Halbjahr. Der verlängerten Mittags- und AG-Pause mit Möglichkeiten zur Entspannung, zum praktischem Lernen und zum Spielen schließt sich ein weiterer Arbeitsblock an, in dem neben Fachunterricht auch Förder-und Therapieangebote ihren Platz haben. Zudem werden Zeiten für freie Arbeit der Kinder vorgesehen, in denen diese wachsend selbständig, aber mit der Möglichkeit der Rückfragen und Beratung eigenen Fragen
nachgehen können. Schul- und Übungsaufgaben sind in das Wochenprogramm zu verschiedenen Uhrzeiten eingelassen, häusliche Aufgaben (Hausaufgaben) entfallen bis auf kleine individuelle Lern- oder Recherche-Aufträge. Bis 16:30 Uhr können alle Kinder an den Nachmittagsaktivitäten teilnehmen, die als freies Spiel mit so genannten „Aktivitätsinseln“ (täglich zur gleichen Zeit angeleitete Angebote zum Malen, Basteln, Spielen, Handwerken und Bewegen) stattfinden.

Kann ich mein Kind schon für die Wildbachschule anmelden? Wenn ja wo und wie?

Interessierte Eltern können sich gern für ein Informationsgespräch oder zur Anmeldung ihres Kindes unter projekte@werkstaetten-hainbachtal.de bei mir melden. Es wird demnächst auch Infoblätter geben und ich werde bei Elternabenden der Kitas über die Schule informieren.

Welche Kinder werden an der Wildbachschule aufgenommen?

Grundsätzlich alle Kinder, ob mit oder ohne Behinderung. Da die Wildbachschule eine private Schule sein wird, ist das Einzugsgebiet offen.

Wie hoch wird das Schulgeld sein?

Die Kosten werden voraussichtlich etwa 390 € pro Kind und Monat betragen. Für die Verpflegung fallen je Kind zusätzlich etwa 60 € pro Monat an.

Wie sind Sie auf den Namen Wildbachschule gekommen?

Die Schule wird ihren Standort nahe am Wildbach haben und auch durch das Konzept der Draußenschule sollte der Name eine Verbundenheit zur Natur symbolisieren. Letztlich hat sich der Vorstand der AWO bei der Namensgebung mit eingebracht.

Sie sind die Projektleitung für die Planung und den Bau der Wildbachschule. Was sind Ihre Aufgaben?

Im Wesentlichen ist es meine Aufgabe, als Schnittstelle zwischen allen Beteiligten zu fungieren, so dass sämtliche Informationen bei mir zusammenlaufen. Ich behalte den Zeitplan im Blick, so dass rechtzeitig interveniert werden könnte, wenn wir an einer Stelle in Verzug geraten sollten. Außerdem besuche ich Veranstaltungen und führe Gespräche mit Interessierten.

An welcher Stelle auf dem Hainbachtal-Gelände wird die Schule gebaut?

Die Schule wird auf dem Gelände der ehemaligen KFZ-Werkstatt gebaut und grenzt unmittelbar an das Waldcafe an, welches auch teilweise als Mensa in die Schule integriert wird.

Wie groß wird die Schule (qm Grundfläche, Grundstück, Geschosse, BGF, Anzahl Klassen, Schüler und Lehrer)?

Es wird ein zweigeschossiger Bau werden, bei dem sich im Erdgeschoss neben Schulleiterbüro, Sekretariat, Lehrerzimmer und Besprechungsraum auch die Forscherwerkstatt mit angrenzendem Draußenklassenraum, eine Bibliothek mit angrenzender Draußenbibliothek, ein Musikraum, ein Therapieraum, ein Entspannungsraum, eine Schülerküche, eine großzügig geschnittene Aula und verschiedene notwendige Räume (sanitäre Anlagen, Putzmittelraum, Schuhraum, Lehrmittellager, Erste Hilfe-Raum, Kopierraum, etc.) befinden. Im zweiten Stock wird es acht Klassenräume mit jeweils über 60m² und angrenzend jeweils ein Differenzierungsraum mit nochmal etwa je 27 m² geben. Neben dem mittig gelegenen Lichthof wird es im Obergeschoss auch einen lichtdurchfluteten Flur mit Sitznischen geben. Die Bewegungshalle verfügt über knapp 300 m². Der Schulhof wird großzügig in das Gelände der AWO im Hainbachtal integriert und auch der Mehrgenerationengarten steht der Schule zur Verfügung.

Die 8 Klassen werden von jeweils 22 Schülern besucht und einem multiprofessionellen Team geleitet, zu denen an der Wildbachschule Grundschullehrer/innen, Sonderschullehrer/innen, aber auch Diplom-oder Sozialpädagog/inn/en, Erzieher/innen und Integrationshelfer/innen gehören werden. Mit dem Klassenlehrer/Klassenlehrerin arbeitet nach Möglichkeit eine Förderschullehrerin oder eine Dipl.-Pädagogin mit Schwerpunkt Behinderung, ersatzweise eine weitere Grundschullehrkraft im Klassenteam zusammen. Zusätzlich profitiert jede Lerngruppe von je einer Hilfskraft im Berufsvorbereitenden Sozialen Jahr. Außerdem stehen Erzieher-Stunden zur Verfügung, die vornehmlich ab mittags benötigt werden. Jedes Klassenteam besteht damit aus ca. 1,5 Lehrkräften, 0,5 Erzieher-Stellen und 1 BSJ-Kraft.

Wer ist mit der Planung und dem Bau der Schule beauftragt?

Wir arbeiten mit dem Ingenieurbüro Karl Heusel aus Erbach zusammen, der für uns auch schon das KITA-Projekt erfolgreich begleitet hat.

Was sind die baulichen Besonderheiten der Wildbachschule?

Das Besondere wird vor allem sein, dass ausnahmslos ALLES an dieser Schule neu sein wird. Fast alle (Grund-)Schulen in Stadt und Kreis Offenbach sind alt und teilweise extrem sanierungsbedürftig. Hier wird es keine Mängel, veraltetes Inventar oder eine schäbige Fassade geben. Außerdem wird die Schule natürlich komplett barrierefrei sein.

Wer wird der Träger der Schule sein?

Zunächst wird die AWO (Kreisverband Offenbach) der Träger der Schule sein. Im neuen Jahr werden wir eine gemeinnützige Bildungs- GmbH gründen, die die Trägerschaft dann übernimmt.

Gibt es bereits eine Schulleitung? Wann werden die Lehrer und anderen Mitarbeiter für die Schule gesucht und eingestellt?

Die Stelle der Schulleitung soll spätestens zum 01.01.2018 besetzt sein, damit sich die-oder derjenige in den letzten Monaten vor der Schuleröffnung aktiv in die Planung mit einbringen und auch schon den interessierten Eltern als Ansprechpartner vorgestellt werden kann.

Was gefällt Ihnen persönlich an dem Projekt besonders gut?

Es ist immer etwas Besonderes, ein neues und innovatives Projekt von Anfang an zu begleiten. Als ich die Projektleitung übernommen habe, war noch nicht klar, wie das Schulgebäude aussehen soll und wie das pädagogische Konzept sein würde. Mittlerweile steht beides fest und ich bin absolut begeistert, weil ich mich zu 100% mit dem Projekt identifizieren und hinter dem stehen kann, was ich sage. Ich bin selbst Mutter und weiß, dass alle Eltern nur das Beste für ihr Kind wollen und ich kann durch meine Mitarbeit an diesem Projekt dazu beitragen, dass wir eine einzigartige Schule errichten werden, um ihren zukünftigen Schülern in sämtlichen Bereichen die bestmöglichen Weichen für ihr zukünftiges Leben zu stellen.

Vielen Dank, Frau Klaußner!