Interview mit Ingrid Wagner, Koordinatorin des wellcome-Standortes Offenbach

Familien in Offenbach wellcome ProjektFrau Wagner, bei dem Projekt wellcome bekommen Eltern praktische Hilfe nach der Geburt ihres Babys. An wen richtet sich Ihr Angebot?

Das Angebot richtet sich an alle Mütter und Väter die in der Stadt Offenbach wohnen. Das heißt, Alleinerziehende, mit oder ohne Migrationshintergrund, Mütter mit Mehrlingsgeburten, große und kleine (Patchwork-) Familien. Es werden alle Gruppierungen der Elternschaft angesprochen und so kommt das Projekt auch an. Wir unterstützen Eltern, die in verschiedenen Gegenden der Stadt leben. Also, auch viele zugezogene Familien werden von uns betreut.

Eigentlich alle Frauen, die ein Kind bekommen, stehen vor einer großen Aufgabe. Es ist ja eine Art „Ausnahmezustand“, nicht nur hormonell gesehen. Man(n)/Frau kann sich noch so gut auf ein Kind vorbereiten, danach entsteht dennoch eine völlig neue (Familien-)Situation. Das Kind ist da und plötzlich hat man viele Fragen und auch Unsicherheiten, zum Beispiel wie ist das mit dem Schlafrhythmus, dem Stillen oder doch lieber die Flasche geben? Unglaublich, wie auf einmal dieses Bauchgefühl der Mütter, dieser Mutterinstinkt, viele Frauen verlässt und sie sich durch die ganzen Ratgeber und Ratschläge verunsichern lassen. Es rotiert fast jede Mutter, wenn sie ein Kind bekommt.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir mit unserem Angebot des wellcome-Projekts offen sind für wirklich alle Mütter und auch Väter.

Welche Erleichterungen können die Eltern durch das wellcome-Projekt erfahren?

Die Ehrenamtlichen gehen in die Familien und wirken im „neuen Alltag“ sehr oft beruhigend. Die Mütter haben eine Ansprechpartnerin, die sie befragen können, wenn sie unsicher sind. Sie können ihr Baby mal für eine Zeit in sichere Hände geben. Oft sind auch Geschwisterkinder da, um die sich die Ehrenamtlichen kümmern, wenn zum Beispiel die Mutter mit dem Baby zum Arzt geht. Uns ist wichtig, dass die Frauen entlastet werden und auch mal zur Ruhe finden. Sie können sich einfach mal ins Bett legen und ihren Nachtschlaf nachholen, während die Ehrenamtliche das Kind betreut. Es geht darum, Sicherheit zu erfahren und zu wissen, man ist nicht alleine.

Heute haben viele Familien keine Verwandten, die am gleichen Ort wohnen und die Mütter unterstützen können. Viele Eltern leben mit ihren Kindern ganz allein und auch das nachbarschaftliche Verhältnis, was es früher gab, ist oft ganz weg. Unser wellcome-Projekt ist sozusagen, eine moderne Nachbarschaftshilfe! Die ehrenamtlichen Frauen gehen in die Familien und sind da, wenn die Mütter sie brauchen.

Ich habe den Eindruck, dass in anderen Kulturen die Mütter nach der Geburt eine ganz andere Unterstützung bekommen, als bei uns. Eine Freundin von mir ist Chinesin. Nach der Geburt kam ihre Mutter aus China für drei Monate in die Familie und hat ihrer Tochter geholfen. Sie hat sich um das Baby und das Geschwisterkind gekümmert, die Hausarbeit übernommen und gekocht. Rückblickend betrachtet hätte ich mir so eine Unterstützung für die Zeit nach der Geburt unserer Tochter auch gewünscht.

Etwas Ähnliches wie Sie beschreiben, habe ich auch schon mit einer türkischen Familie erlebt. Im vergangenen Jahr hatte ich die Anfrage des Vaters, der um Unterstützung gebeten hat, weil sie Zwillinge bekommen würden. Ich habe dann eine Ehrenamtliche organisiert und alles war bereit. Doch der Vater meldete sich nicht mehr. Erst nach einiger Zeit erreichte ich ihn wieder. Er erzählte mir, sie haben sich anders entschieden. Seine Frau ist mit den Kindern in die Türkei geflogen und hat sich dort von ihrer Familie versorgen lassen.

Wie viele ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich zurzeit für das Projekt?

Zurzeit sind 14 ehrenamtliche Frauen in den Familien. Die Frauen sind etwa im Alter zwischen 30 und 70 Jahren und alle sehr aktiv. Die Ehrenamtlichen bleiben unterschiedlich lange in den Familien, angedacht ist eigentlich 3 bis 6 Monate. Insbesondere bei Mehrlingsgeburten brauchen die Mütter mehr Unterstützung. Manche Ehrenamtliche begleiten die Familien auch für längere Zeiten und stehen dann nicht mehr für das Projekt zur Verfügung. Aktuell suche ich deshalb immer wieder neue Ehrenamtliche.

Wer kann bei Ihnen im Projekt als Ehrenamtliche mitmachen?

Am besten ist es, wenn die Frauen selbst Kinder haben, aber auch kinderlose Frauen, die aus den sozialen Berufen kommen, sind genauso geeignet. Dazu zählen zum Beispiel Krankenschwestern, Hebammen, Lehrerinnen, Arzthelferinnen oder Erzieherinnen.

Auch habe ich einige Ehrenamtliche, die immer im Büro gearbeitet haben und das Projekt so gut fanden, dass sie gerne mithelfen wollten. Diese Frauen brachten oft die eigene Erfahrung mit, dass sie keine Unterstützung erhielten, als sie Kinder bekamen und möchten jetzt für andere Mütter da sein. Einige Frauen, die berufstätig sind, können ebenfalls als Ehrenamtliche für unser Projekt tätig werden, denn den zeitlichen Rahmen vereinbaren die Ehrenamtlichen mit den betreuten Familien. Manche Mütter brauchen mehr Betreuung, doch die meisten Ehrenamtlichen helfen ein- bis zweimal pro Woche.

Was ist Ihre Aufgabe als Koordinatorin des Projekts?

Die Kontakte der Eltern zu den Ehrenamtlichen gehen über mich. Das bedeutet, dass ich die Personalien erfasse und die Anfrage prüfe. In manchen Fällen vermittle ich die Familien weiter, wenn sie eine Ganztagsbetreuung für die Kinder brauchen oder eine Haushaltshilfe suchen, dann sind wir nicht die richtige Institution. Unsere Ehrenamtlichen übernehmen keine Putzarbeiten oder Fahrservices. Ich erfrage den Zeitbedarf der Familien und suche dann eine passende Ehrenamtliche.

Außerdem betreue und begleite ich die ehrenamtlichen Frauen. Sie erhalten von mir eine Mitarbeiterausbildung. Wir besprechen gemeinsam den Einsatz in der Familie, welchen Hilfebedarf gibt es, welchen Hintergrund die Familie hat und welche Besonderheiten zu beachten sind. Alle Personalien unterliegen der Schweigepflicht und werden anonym besprochen.

Ich schließe einen Vertrag mit den Familien ab, damit die Ehrenamtlichen, wenn sie in die Familien, gehen über das Projekt versichert sind. Alle paar Wochen treffe ich mich mit den ehrenamtlichen Helferinnen und wir tauschen uns aus.

Wo können sich Eltern über das wellcome-Projekt informieren?

Wir arbeiten sehr eng mit den Kliniken in Offenbach zusammen. Auf den Neugeborenenstationen sollten die Frauen unsere Flyer erhalten. Manchmal geht die Information aber in der Masse an Broschüren unter. Auch mit den verschiedenen Beratungsstellen, wie z.B. den Hebammen und den Kinderärzten kooperieren wir. Eine Verknüpfung findet ebenfalls mit dem Netzwerk der „Frühen Hilfen“ der Stadt Offenbach statt. Viele Informationen laufen heute über das Internet. Ansonsten verbreitet sich unser wellcome-Angebot auch über „Mundpropaganda“ oder Zeitungsartikel. Trotzdem bin ich erstaunt, dass es Eltern gibt, die das Projekt noch nicht kennen.

Wie können Familien die Hilfe von wellcome erhalten?

Jederzeit! Ein einfacher Telefonanruf oder eine E-Mail genügt. Der Sitz beziehungsweise mein Büro des wellcome-Projekts ist in der Innenstadt im Evangelischen Dekanat Offenbach. Die Familien können dort auch nachfragen und eine Nachricht hinterlassen und ich rufe dann zurück.

Entstehen den Eltern Kosten, wenn sie die Leistungen in Anspruch nehmen?

Zu Beginn des Projekts war angedacht, 5 € pro Stunde für das Projekt zu nehmen. Bei vielen anderen wellcome-Standorten, wie im Taunus, funktionierte das auch. Ja, in Offenbach ist einiges anders. Ich machte schnell die Erfahrung, dass unsere Hilfe am Geld scheitern kann. Deshalb suchte ich Sponsoren, die das Projekt unterstützten. Rückendeckung bekam ich damals von der Leitung der Evangelischen Familien-Bildungsstätte und heute von der Dekanin Reiß. Wir gemeinsam waren der Meinung dass auch aus christlichen Gründen die Hilfe für alle Mütter zugänglich sein sollte.

Wir haben folgende Regelung: Mütter oder Väter die alleinerziehend sind und kein Geld haben, brauchen für die Hilfe nichts oder nur einen kleinen Obolus zu bezahlen. Familien, die gut verdienen, finanzieren somit auch einen Teil des Projektes. Denn jede andere Familie zahlt nur so viel, wie sie es sich leisten kann. Deshalb sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen.

Seit wann gibt es das Projekt in Offenbach und hat sich seit dem Beginn etwas verändert?

Das Projekt gibt es seit dem 9.12.2009. Die ersten 3 Jahre bekamen wir eine finanzielle Unterstützung vom Hessischen Sozialministerium. Danach gab es keine öffentlichen Gelder mehr. Ich habe dann 2 Jahre lang bei vielen karitativen Verbänden und Sponsoren Gelder eingesammelt. Somit konnte ich das wellcome-Projekt über Wasser halten. Seit dem letzten Jahr unterstützen uns die Stadtverordneten und die Stadt Offenbach mit einem finanziellen Betrag.

Wie viele Fälle haben Sie denn pro Jahr?

Wir betreuen circa 20 bis 30 Fälle im Jahr. Dabei muss man bedenken, dass die Ehrenamtlichen über mehrere Monate, sogar oft von den Eltern gewünscht, bis zu einem Jahr in den Familien verbleiben. Ja, das sind viele Stunden und dies bedeutet ein großes Engagement der Ehrenamtlichen.

Können Sie allen Familien, die bei Ihnen anfragen, Unterstützung bieten?

Bislang war es so, dass ich meistens eine Ehrenamtliche vermitteln konnte.

Können Sie beschreiben, wie die Situation in vielen Familien nach der Geburt eines Babys aussieht – vor allem wenn man keine Unterstützung durch die eigenen Verwandten bekommen kann?

Ja. Das Baby ist da und nichts geht mehr. Die ersten Monate nach der Geburt eines Kindes sind für alle eine besondere Herausforderung. Z.B., die Wäsche wird nicht mehr gemacht, es liegt alles rum, der Tag-Nacht-Rhythmus ist völlig durcheinander. Die Frauen sind evtl. auch durch die hormonelle Umstellung mit sich unzufrieden. Eine Mutter hat mir mal erzählt: „Ich dachte, am Anfang wird es etwas schwierig, aber nach 3 Monaten bekomme ich alles gebacken und jetzt nach einigen Monaten habe ich immer noch keinen Tagesrhythmus gefunden.“ Die Mütter, aber auch manche Väter, sind oftmals sehr überfordert und. mit so einer (Lebens-) Umstellung hat keine/r gerechnet.

Ich habe auch viele Mütter erlebt, die durch die Geburt sehr mitgenommen waren und trotzdem mussten sie schon nach 3 Tagen die Klinik verlassen. Das finde ich nicht richtig, auch gibt es zu wenige Hebammen, die die Mütter zuhause betreuen. Oft sind die Frauen mit ihren Babys dann ganz allein zu Hause. Selbst wenn der Partner Urlaub hat, ist der ja irgendwann vorbei. Besonders schwierig ist die Situation bei Mehrlingsgeburten oder Schreikindern. Deshalb ist es besonders wichtig, dass für diese Familien sofort nach der Geburt Unterstützung da ist. Hier sehe ich auch die Präventionsarbeit zum Schutz der Kinder.

Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen die Eltern sehr dankbar sind für Ihren Einsatz. Was bekommen Sie an Rückmeldungen?

Ich persönlich bekomme sehr wenig Rückmeldung, manchmal erfolgt ein Abschlussgespräch. Dafür ernten die Ehrenamtlichen viel Dank und Bestätigung von den Eltern. Und das ist auch gut so. Zwischen den Familien und den Ehrenamtlichen sind oft auch langfristige Bindungen entstanden. Mittlerweile habe ich einige Helferinnen für das Projekt verloren und sie sind dann als Leihoma in den Familien geblieben. Das sind schöne Erfahrungen, wenn man die Kinder beim Aufwachsen begleiten kann und ich habe dafür Verständnis Deshalb muss ich zwischendrin immer wieder neue ehrenamtliche Frauen suchen. Im Allgemeinen sind für mich und für die Eltern die Ehrenamtlichen die wichtigen „wellcome-Engel“, die das Projekt tragen und sie erfahren wiederum, dass sie gebraucht werden.

Träger des Projekts ist in Offenbach das Evangelische Dekanat. Erhalten Sie auch Unterstützung von der Stadt für Ihre Arbeit?

Seit letztem Jahr bekommen wir eine finanzielle Zuwendung durch die Stadt Offenbach. Diese ist festgelegt für die Dauer von 5 Jahren. So haben wir die Sicherheit, dass das Projekt weitergehen kann. Auch für den Fall, dass ich nicht mehr die Koordinatorin bin.

Wie sind Sie eigentlich auf Ihr Engagement für das wellcome-Projekt für Offenbach gekommen?

Ich habe mich schon in meiner Diplomarbeit mit dem Thema „Frühe Hilfen“ befasst und wie wichtig sie sind. Durch frühe Unterstützung, Versorgung und Hilfe in den Familien, dass heißt von der Geburt an, haben wir letztendlich weniger Kinder, die später psychologisch betreut werden müssen oder andere Stützsysteme brauchen. Eine sehr gute Versorgung in den ersten 3 Lebensjahren eines Kindes kostet viel weniger und ist viel nützlicher für unsere Gesellschaft. Je besser die Familien umsorgt werden, umso positiver können sich die Kinder entwickeln und erhalten einen guten Start ins Leben.

Deshalb wird das wellcome-Projekt gebraucht!

Vielen Dank, Frau Wagner.

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