Interview mit Dr. Doris Depner, Kinder- und Jugendärztin

Melanie Reichardt: Frau Dr. Depner, sie sind Kinder- und Jugendärztin und haben seit 1991 Ihre Praxis in Offenbach. Sie begleiten Familien von Anfang an. Wann sollten sich Eltern einen Kinderarzt suchen und wie finden Sie den passenden Arzt?

Den passenden Kinderarzt zu finden setzt voraus, dass ich bestimmte Vorstellungen habe, welche Hilfe ich mir von dem Arzt verspreche und wie ich mit dem Arzt zusammen arbeiten möchte. Kinderärzte sind grundsätzlich menschen- und familienfreundlich, zugewandt und betrachten Kinder nicht bloß als Patienten, sondern als wachsende Wesen, die in die Welt gehen möchten und dabei werden sie die Kinderärzte unterstützen.

Mit der Suche nach einem Kinderarzt würde ich relativ bald nach Bekanntwerden der Schwangerschaft beginnen, weil es verschiedene Praxen, mit unterschiedlichen Modellen, Praxisführungen und Anmeldemodalitäten gibt. Außerdem haben die Kinderärzte unterschiedliche Einstellungen, wie und wann sie sich die Kinder ansehen und Fragen der Eltern beantworten.

Am besten ist es, und das machen auch einige Eltern, wenn sie sich vorab im Internet informieren. Auf der Website Kinderärzte im Netz sind alle Ärzte in Offenbach und Umgebung aufgeführt. Hilfreich ist natürlich auch ein persönliches Gespräch zum Kennenlernen. Ich bin mir nicht sicher, ob das alle Kinderärzte in Offenbach anbieten, aber mir ist es sehr recht, wenn ich im Vorfeld schon erfahre, was Eltern erwarten. Wenn wir uns vorher nicht kennenlernen, dann ist der erste Kontakt mit Eltern und Kind bei der U3 (Vorsorgeuntersuchung). Das Kind ist dann vier Wochen alt und die Eltern haben bereits einiges mit ihrem Kind erlebt, waren vielleicht schon beim Notdienst. Dann stehen die Eltern hier vor mir, vor einer fremden Person, die ihnen irgendwelche Ratschläge gibt. Da ist es doch sinnvoller sich schon in der Schwangerschaft, in Ruhe, einen passenden Kinderarzt zu suchen. Und auch die Räumlichkeiten ansehen, dass macht ja auch einen Eindruck.

Was sollten Eltern beim Kinderarzt-Besuch mitbringen und was sollten sie berücksichtigen?

Eltern sollten Zeit, Geduld und Toleranz mit den anderen Eltern und Kindern mitbringen. Gerne auch einen Zettel mit Fragen, damit nichts Wichtiges vergessen wird. Im Gespräch mit dem Arzt werden die Eltern häufig durch ihr Kind abgelenkt oder sind gestresst. Da ist es besser, sich vorher alles aufzuschreiben, auch Kleinigkeiten. Alles was einem unklar ist und man fragen möchte. Vor allem Eltern kleiner Kinder sind oft verunsichert durch die vielen Ratschläge der eigenen Mütter, Omas, Tanten, Freundinnen. Das kann man alles mit dem Kinderarzt besprechen.

Eltern sollten bitte auch eine Unterlage für das Kind mitbringen, also ein Handtuch oder eine Decke. Außerdem ein Fläschchen, falls es längere Wartezeiten geben sollte. Und natürlich die Unterlagen, also Vorsorgeheft, Impfbuch, gegebenenfalls Arztbriefe und die Versichertenkarte der Krankenkasse.

Die sogenannten U-Untersuchungen sind eine wesentliche Komponente in der Gesundheitsvorsorge der Kinder. Worum geht es bei diesen Untersuchungen?

Die Vorsorgeuntersuchungen sind am Anfang sehr häufig. Direkt nach der Geburt, nach einer Woche, nach vier Wochen. Sie haben einen bestimmten Ablauf, entsprechend der motorischen und geistigen Entwicklung und der Ernährung, die das Kind braucht. Im Wesentlichen geht es um die Größe, das Gewicht und das Verhalten des Kindes. Die neuen Vorsorgehefte haben auch noch das Umfeld, also die Eltern und die Sozialkompetenzen, im Blick. Die U3 beinhaltet noch den Ultraschall der Hüfte. Die weiteren Untersuchungen sind dann auch mit Impfungen kombiniert. Die Untersuchungen der 4- und 5-Jährigen sind vorbereitend für die Einschulung. Da wird geschaut, was das Kind selbständig kann, motorisch, kognitiv und in der Sozialkompetenz.

Außerdem geht es bei diesen Vorsorgeuntersuchungen um die elterlichen Bedürfnisse. Wenn das Kind zum Beispiel viel schreit oder nicht hört, dann möchten die Eltern bei der Erziehung begleitet und beraten werden. Jedes Kind hat ja einen eigenen Charakter und ein individuelles Temperament, das nicht immer zu dem der Eltern passt. Das ist dann schwierig, wenn man alleine im Kontakt mit dem Kind handeln soll.

Aus Ihren Erfahrungen dieser U-Untersuchungen, hat sich im Vergleich zu früher etwas Grundlegendes geändert?

Grundlegend geändert hat sich, dass Eltern heute viel bewusster mit ihren Kindern umgehen. Früher hatte man so einen mechanischen Ablauf mit den Kindern. Man hatte eine Zeiteinteilung, das Kind wurde gefüttert, gewickelt, gekleidet und umsorgt. Heute sind die Eltern aufgeschlossener und interessierter. Auch gegenüber Kindergarten, Schule und anderen sozialen Einrichtungen. Man geht heute nicht mehr irgendwo hin, sondern informiert sich vorher. Eltern haben viele Fragen und eigene Vorstellungen. Dann wird geschaut, bei welchen Institutionen stimmen die Ansätze mit den eigenen Vorstellungen überein.

Gibt es Erkrankungen, die heutzutage häufiger bei Kindern und Jugendlichen auftreten?

Im Gegenteil. Viele Krankheiten haben wir durch das Impfen schon minimiert. Wir sehen kaum noch Masern oder Windpocken. Wir sehen auch keine eitrige Hirnhautentzündung, die durch HIB, also Haemophilus-Bakterien ausgelöst wurden. Das war früher eine Erkrankung, die tödlich verlief oder es kam zu schweren Behinderungen. Da das alles in den 6-fach-Impfungen plus Pneumokokken beinhaltet ist, sehen wir das heute nicht mehr und die Eltern kennen diese Erkrankungen nicht mehr. Daraus resultiert für einige ja auch der Gedanke, man muss gar nicht impfen. Aber wir Kinderärzte kennen diese schweren, häufig tödlich verlaufenden, Krankheiten noch. Auch der Pseudokrupp war früher viel dramatischer, als er es heute ist.

Neben den U-Untersuchungen sind die Impfungen sehr wichtig. Welche Impfungen empfehlen Sie auf jeden Fall für Babys und Kinder und welche unter bestimmten Umständen?

Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich empfehle ich alle Impfungen, die in dem Standard-Programm der StIKo (Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts) beinhaltet sind. Das heißt Rotaviren, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, eitrige Hirnhautentzündung, Hepatitis B, Kinderlähmung und die Pneumokokken. Und später dann Masern, Mumps, Röteln und die Windpocken.

Dann gibt es regional die Zeckenimpfung. Mittlerweile ist Offenbach auch ein Zeckengebiet und da muss man sich das auch überlegen. Kinder gehen raus und heute wissen wir, dass Zecken im Gebüsch leben und da sind ja oft die Kinder unterwegs, wenn sie draußen in der Natur sind. So werden sie leicht das Opfer der Zecken.

U-Untersuchungen und Impfungen werden von den Krankenkassen übernommen. Welche Einschränkungen gibt es hier?

Die Hepatitis-A-Impfung wird nur als Reiseimpfung akzeptiert. Die Ersatzkassen übernehmen diese Impfung, die allgemeinen Krankenkassen, wie die AOK, übernehmen sie nicht. In unserem globalisierten Leben sollte man darüber nachdenken, wie sinnvoll das ist. In Mittelmeerländer zu reisen bedeutet, dass ich eine erhöhte Infektionsgefahr mit Hepatitis A habe.

Abgesehen von Impfungen, was sind aus Ihrer Sicht die 3 wichtigsten Maßnahmen, um Krankheiten vorzubeugen?

Viel frische Luft und Bewegung im Freien. Das schließt auch gut gelüfteten Wohnraum mit ein. Die Luft drinnen sollte nicht zu warm sein, maximal 23 Grad im Winter, damit die Luft auch nicht zu trocken wird. Also maximal 23 Grad tagsüber und 18 Grad nachts. Beim Lüften sollte man stündlich für eine Minute das Fenster öffnen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist frisches Essen, also keine Tiefkühlkost, da leiden die Vitamine. Gemüse und Obst sollten regelmäßig angeboten werden, auch wenn Kinder das nicht so gerne essen. Das ist ein Muss für die gesunde Entwicklung – und zwar täglich. Und regelmäßig schlafen. Das ist ganz wesentlich, damit der Körper sich erholen kann. Kinder bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr halten auch noch Mittagsschlaf. Kinder sollten abends möglichst um 19 oder 20 Uhr ins Bett gehen. Der Schlaf vor Mitternacht ist besonders erholsam. Deshalb ist es sinnvoll, ein Ritual einzuführen, mit dem der Tag zu Ende geht und das Kind zur Ruhe kommt.

Vor allem wenn Babys und kleine Kinder krank sind machen sich Eltern oftmals große Sorgen. In welchen Fällen sollten Eltern einen Kinderarzt aufsuchen und wann kann man erstmal abwarten?

Ich denke beim Säugling ist der Arztbesuch angesagt, wenn die Eltern meinen, dass das Kind krank ist. Sie können das im ersten halben Lebensjahr selbst gar nicht einschätzen. Auch niedriges Fieber kann für ein kleines Kind aufgrund des noch nicht intakten Immunsystems schon eine schwere Krankheit bedeuten. Ob ich dann sofort gehen muss oder noch warten kann ist dann wieder eine andere Frage. Wenn ich es selbst nicht aushalte, weil ich Angst habe, dann ist der Gang zum Arzt immer der richtige. Eltern haben auch ein intuitives Gefühl für die Schwere der Krankheit. Bei älteren Kindern kann man auch schon mal warten, wenn sie nur 38,5 Grad Temperatur haben. Bei einem Säugling würde ich, vor allem wenn er auch noch ein Zusatzsymptom hat, also schreit oder schläft nicht oder trinkt nicht oder erbricht, auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.

Was mache ich, wenn ich die Kinderarztpraxis telefonisch nicht erreichen kann?

Wenn Sie telefonisch in der Praxis niemanden erreichen, ist der beste Weg in die Praxis zu gehen. Das wird nicht überall gerne gesehen, weil es den terminierten Tagesablauf durcheinander bringt und es dann Kritik gibt von den anderen Eltern. Deshalb sagte ich vorhin, Eltern sollten Geduld mitbringen und Verständnis für die anderen. Soviel soziale Kompetenz sollte man als Eltern mitbringen, dass man das verstehen kann. Vielleicht kommen sie ja selbst mal in die Situation, dass ihr Kind dringend zum Arzt muss und eingeschoben wird.

Sie sind auch im Bereitschaftsdienst im Klinikum tätig. Wann sollten Eltern ins Krankenhaus kommen und wann kann man bis zum nächsten Werktag warten und dann zum niedergelassenen Kinderarzt gehen?

Das ist eine schwierige Frage, weil sie altersabhängig ist. Bei einem Säugling mit hohem Fieber und einem Symptom wie Erbrechen, Durchfall, Unruhe muss man sofort gehen. Der Bereitschaftsdienst der Kinderärzte ist zwar am Klinikum, aber nicht im Klinikum. Der Kinderärztliche Notdienst endet um 18 Uhr und danach ist dann die Notaufnahme im Klinikum zuständig.

Zum Schluss: Was würden Sie sich für die Gesundheit und Entwicklung der Kinder in Offenbach heute wünschen?

Für die gesunde Entwicklung der Kinder wünsche ich mir großzügige Spielflächen. Außerdem gute Anleitung für gerade gewordene Eltern, also wo finde ich was, wer kann mir weiterhelfen, wo gibt es einen Gesprächskreis, eine Turngruppe, was auch immer. Kindgerecht eingerichtete Kindergärten mit gut ausgebildeten Erziehern, weil die ja die elterliche Erziehungsarbeit übernehmen, in der Zeit, in der das Kind in der Einrichtung ist. Dort gilt genauso: frische Luft, Bewegung im Freien und frisches Essen. Das sind die drei wesentlichen Punkte.

Ich wünsche mir auch, dass alle die Möglichkeit haben und mit etwas Druck dazu gebracht werden, Deutsch zu sprechen. Das ist speziell ein Offenbacher Problem. Das setzt natürlich voraus, dass auch die Erzieher nicht in der Muttersprache, sondern in Deutsch mit den Kindern reden. Gut wären auch niedrige Gebühren für die Kindertageseinrichtungen und passende Betreuungszeiten, wenn Eltern berufstätig sind. Viele Eltern leiden darunter, dass sie ihre Kinder morgens unter Zeitdruck in die Einrichtung bringen müssen, weil es bestimmte Abgabezeiten gibt.

Toll wäre auch ein kindgerechtes Schwimmbad, das das ganze Jahr geöffnet ist. Und all das was Familien im Freien machen können. Zum Beispiel Spielplätze kombiniert mit Grillplätzen, wie es sie in Frankfurt zum Beispiel im Heinrich-Kraft-Park oder am Goetheturm gibt.

Schön für junge Familien sind auch Spieltreffs. Auf meine Idee hin hat der Kinderschutzbund in Offenbach im Jugendzentrum in der Sandgasse eine Spielgruppe für Kinder zwischen 1,5 und 3 Jahren ins Leben gerufen. Leider ist sie nur einmal in der Woche. Das wäre eine gute Sache, wenn das Jugendamt weitere Gruppen organisieren würde. Sie sollten offen sein, so dass sich Eltern nicht anmelden müssen und einfach kommen können. Die Kleinen können dann mit anderen Kindern unter Anleitung einer Erzieherin oder eines Erziehers spielen und die Eltern können sich austauschen. Eine ungezwungene Gruppe für zwei bis drei Stunden am Tag. Das bringt den Eltern viel.

Dem am nächsten kommt vielleicht das Angebot der Elternschule im Ketteler-Krankenhaus. Dort können sich im Stillcafé Mütter mit ihren Babys ohne Anmeldung treffen. Die Hebamme Beate Raven leitet die Elternschule und auch das Stillcafé und steht für Fragen bereit. Die Babys können in der Zeit auf Matten Kontakt mit anderen Kindern haben. Das Stillcafé wird sehr gut angenommen.

Das kann ich mir vorstellen. Der Bedarf ist sicherlich da. Als Frau bin ich vielleicht im Beruf kompetent, aber als Mutter bin ich es nicht immer in allen Bereichen. Manchmal bin ich überfordert oder habe zu hohe Ansprüche an mich und die Situation. In so einer Gemeinschaft mit anderen reguliert sich das dann oft. Auch die eigene Perspektive auf das, was man will und das was leistbar ist. Ein Baby ist nun ein Kommunikationspartner, das uns nicht sagen kann, was es will und braucht. Wir bieten ihm was an und warten, wie es reagiert. Und wenn das Kind das nicht annimmt, bin ich oft am Rande meiner Möglichkeiten und da ist so ein Austausch unter Müttern immer segensreich. Das ist dann nämlich nicht die Mutter, Oma oder Tante, von der man den Rat nicht annehmen möchte, sondern es ist dann etwas neutraler. Und die Anleitung der Gruppe ist ja dann auch eine kompetente Person, die für Fragen und Sorgen da ist.

Das ist übrigens auch der Grund, warum ich die Kinderpsychotherapie-Ausbildung zusätzlich gemacht habe. Damit ich Mütter entsprechend ihrer familiären Situation anleiten kann. Das Handwerkszeug fehlt in der pädiatrischen Ausbildung. Aber das wird sicher bald kommen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Dr. Depner!

Flyer von Dr. Depner

Ein Kommentar

  1. Keller
    Keller

    Ein sehr sympathisches Interview mit Frau Depner

    8. Februar 2017 an 10:49

Kommentieren