Interview mit Beate Raven, Hebamme und Leiterin der Elternschule im Ketteler Krankenhaus

Melanie Reichardt: Beate, Du bist Leiterin der Elternschule im Ketteler Krankenhaus. Was ist die Elternschule?

Beate Raven: Die Elternschule möchte werdenden Eltern eine Anlaufstelle sein für alle Fragen rund um die Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit bis hin zu den ersten zwei Lebensjahren des Kindes. Es haben sich verschiedene Berufsgruppen zusammengefunden, die Einzelvorträge, Seminare und Workshops genau für diese Lebensphase anbieten. Wir geben jedes Halbjahr eine Broschüre heraus, in der alle Angebote der Elternschule zu finden sind, jeweils mit Beschreibung und den Anmeldemöglichkeiten. Die Broschüre mit allen Angeboten ist auch auf der Website des Ketteler Krankenhauses zu finden. So wollen wir für die werdenden Eltern von Anfang an da sein.

Sind die Angebote nur für Eltern, die für die Geburt ins Ketteler Krankenhaus kommen?

Nein, die Kurse sind für alle offen. Wir haben sehr viele Paare, die noch gar nicht wissen, wo sie entbinden möchten. Sie kommen zu uns für einen Geburtsvorbereitungskurs oder Säuglingspflegekurs und entscheiden erst dann, wo sie für die Geburt hingehen. Es gibt auch Eltern, die in einem anderen Krankenhaus entbunden haben und dann hier bei uns Angebote für die Zeit danach wahrnehmen.

Die Elternschule ist Mitglied im Netzwerk Elternschule der Stadt Offenbach. Worum geht es in diesem Netzwerk?

In diesem Netzwerk geht es darum, dass wir erstmal an einem Tisch feststellen können, wer bietet eigentlich in Offenbach etwas für werdende Eltern und Familien an. Wie sehen die Angebote aus, wo gibt es Doppelungen, wo gibt es Bedarfe, die überhaupt noch nicht abgedeckt sind? Wo können wir Dinge bündeln oder uns gegenseitig unterstützen oder einfach durch das Wissen, dass es den anderen gibt, gezielt Eltern dorthin verweisen. Ich halte es auch für wichtig, sich gegenseitig kennenzulernen und auszutauschen und Dinge an dem berühmten runden Tisch zu besprechen. Statt Konkurrenz also Ergänzung zum Wohl der Familien in Offenbach. Letztlich sollen durch die Angebote die Eltern und ihre Erziehungskompetenzen gestärkt werden.

Das Ketteler Krankenhaus bietet jeden Monat einen Informationsabend für werdende Eltern. Was ist da der Inhalt?

Die werdenden Eltern wollen ja das Krankenhaus kennenlernen. So stellen wir an diesem Abend unser Team vor , bestehend aus unserem Chefarzt Dr. Baier, Oberärzten und Assistenzärzten der geburtshilflichen Abteilung, Hebammen und Kinderkrankenschwestern sowie den beiden Kinderärzten Dr. Gründler und Dr. Eckrich .
Ebenfalls soll unser Motto: „Gebären in Sicherheit und Geborgenheit“ vorgestellt werden. Wir versuchen an dem Infoabend zu erklären, was sich hinter diesen beiden Begriffen verbirgt. Wir zeigen eine Powerpoint-Präsentation in der die werdenden Eltern sehen können, was es hier gibt, wie die Räume aussehen und welche Angebote man wahrnehmen kann. Dann können sie in der großen Gruppe Fragen stellen und in kleineren Gruppen eine Führung durch den Kreissaal und die integrative Wochenstation machen. Außerdem präsentiert sich noch die Elternschule.

Die Elternschule hat für Schwangere und Eltern ein umfangreiches Angebot an Kursen, Vorträgen und Beratung. Was gibt es denn noch – neben den Geburtsvorbereitungs- und Säuglingspflegekursen?

Für die Zeit der Schwangerschaft haben wir Yoga für Schwangere und verschiedene Massage-Angebote sowie geburtsvorbereitende Akupunktur oder auch Taping, bei besonderen Beschwerden in der Schwangerschaft. Für die Zeit nach der Geburt gibt es die Babymassage und Rückbildungskurse. Zudem organisieren wir das offene Müttercafé als Begegnungsstätte für die Mütter und um dort Informationen und Beratung während des ersten Lebensjahres des Kindes zu erhalten. Das ist übrigens ein kostenloses Angebot. Dann gibt es noch Mama-Pilates, um die Figur nach der Schwangerschaft wieder in Form zu bringen.

Darüber hinaus veranstalten wir verschiedene Vorträge für Eltern, aktuell zum Beispiel mit einer Logopädin zum Thema Sprachentwicklung. Relativ neu im Programm haben wir das pädiatrische Notfalltraining, eine Art Erste-Hilfe-Kurs an Säuglingen und Kleinkindern. Schließlich gibt es noch das Geschwisterdiplom. Hier lernen werdende Geschwister alles rund ums Baby, vom Baden übers Tragen bis was kann das Baby schon im Bauch. Außerdem wird das Thema Eifersucht angesprochen und es soll die Vorfreude auf das Geschwisterchen gefördert werden.

Worum geht es in den Geburtsvorbereitungskursen im Detail?

Geburtsvorbereitung hat drei große Schwerpunkte. Der erste ist die Atemtechnik, die die Frauen in die Lage versetzen soll, mit ihren Wehen möglichst aktiv umzugehen und keine Angst vor ihnen zu haben. Mit der richtigen Atemtechnik bekommen die Frauen eine Art Handwerkszeug, um mit den Wehen arbeiten zu können.

Der zweite Schwerpunkt sind die Entspannungs- und Körperarbeitsübungen, auch Partnermassagen zum Beispiel, denn letztlich wirkt die Wehe nicht, wenn ich in der Entspannungsphase nicht genügend Kraft für die nächste Wehe schöpfen kann. Also dieses Wechselspiel zwischen Wehe und Erholung ist ganz wichtig.

Der dritte Schwerpunkt sind die inhaltlichen Fragen. Hier geht es um die verschiedenen Gebärpositionen, die Geburtsphasen, was kann hilfreich in der Eröffnungsphase sein, bis hin zu Schmerzmitteln unter der Geburt. Angesprochen wird auch die besondere Geburt, also wenn es nicht nach Plan verläuft. Was ist ein Notkaiserschnitt oder warum müssen manche Geburten eingeleitet werden.

In dem Kurs geht es auch um den Umgang mit dem Neugeborenen und um das Wochenbett. Das ist ein Thema das bei uns ziemlich vernachlässigt wird. Die Frauen sind nach der Geburt drei Tage in der Klinik und danach müssen sie wieder funktionieren. Oft haben sie auch an sich selbst viel zu hohe Erwartungen. Ich nenne das Wochenbett gerne Flitterwochen mit dem Baby. Ich finde, die Frauen sollten diese Zeit bewusst für sich und das Baby nutzen und sich auch nicht mit Besuch zu sehr stressen.

Ein weiteres wesentliches Thema ist das Stillen und die Flaschenernährung. Schließlich geht es noch um die Partnerrolle, weil die Männer wissen möchten, wie sie ihre Frauen wirklich unterstützen können. Dabei dient der Kurs auch der Entscheidungsfindung, ob der Mann mit zur Geburt möchte. Und für die Frau, ob sie ihren Partner dabei haben will oder doch lieber ihre Freundin, die schon drei Kinder hat. Heute werden die Männer unter Druck gesetzt, so nach dem Motto, heutzutage geht man mit zur Geburt. Aber die Paare sollten diese Entscheidung für sich individuell treffen.

Letztlich wollen wir mit den Kursen die Kompetenzen der Frauen stärken und ihr Gefühl, dass sie das können, weil sie eigentlich alles haben, was sie für die Geburt brauchen.

Ihr bietet Geburtsvorbereitungskurse für Schwangere und für Paare an. Für wen ist welcher Kurs der Richtige?

Für Paare ist der Kurs der Richtige, wenn sie sich überlegen, gemeinsam zur Geburt zu gehen. Und der Kurs für Schwangere allein wird häufig von Frauen besucht, die schon ein Kind haben und wo der Mann sagt, ich bleibe bei dem Erstgeborenen zu Hause und die Frau möchte auffrischen, was sie beim ersten Kind schon gelernt hat. Dieser Kurs ist natürlich auch für Frauen geeignet, die keinen Partner haben. Oder wo der Partner schon weiß, ich möchte nicht mit zur Geburt gehen und die Frau bereitet sich eben – was diesen Teil anbelangt – alleine vor.

Was sind die beliebtesten Angebote der Elternschule?

Die Geburtsvorbereitung und die Rückbildung sind die gefragtesten Kurse, aber das ist auch ganz leicht zu erklären, das zahlt nämlich die Krankenkasse. Der Besuch von Kursen ist letztendlich auch immer ein finanzielles Thema und das sind eben die beiden Module, die noch von den Kassen getragen werden und alles andere müssen die Frauen oder Paare selbst übernehmen. Deshalb wählen die werdenden Eltern genau aus, was sie besuchen.

Der Säuglingspflegekurs, Yoga für Schwangere und Mama-Pilates werden auch sehr gut besucht. Auch das Müttercafé ist sehr beliebt. Das letzte Mal waren wieder 16 Frauen hier mit ihren Babys. Eigentlich wird alles so gut besucht, dass wir das jetzt schon über 10 Jahre so machen.

Kannst Du ein paar Tipps geben, wie man die richtige Hebamme für die Nachsorge findet?

Das ist ein super-schwieriges Thema. Ich muss ehrlich sagen, man hat hier in Offenbach eigentlich keine Wahl. Man muss im Prinzip die Hebamme nehmen, die Zeit hat. Das klingt jetzt hart, aber das ist schon ein bisschen so. Theoretisch hat jede Frau die freie Wahl, aber spätestens wenn sie den Hörer in die Hand nimmt oder die E-Mail schreibt, wird sie merken wie viele Absagen kommen wegen Überlastung.

Wir sind hier ein Hebammen-Mangelgebiet. Das hat natürlich auch mit unserer ganzen politischen Situation zu tun. Ich kann nur raten, je früher man sich um eine Hebamme bemüht, desto erfolgversprechender. Sobald der Schwangerschaftstest positiv ist, kann man bereits eine Hebamme suchen. Absagen kann man immer. Aber erstmal den Kontakt aufnehmen. Und dann würde ich immer um ein Vorgespräch bitten. Die Krankenkassen zahlen ein Vorgespräch, das heißt man kann ganz frei eine Kollegin bitten, mal zum Kennenlernen vorbeizukommen. Dann kann man klären, ob es zusammen passt. Und wenn man nach diesem Vorgespräch tatsächlich feststellt, die Chemie stimmt gar nicht, dann sollte man mutig sein und sich eine zweite Kollegin einladen. Das passiert zwar sehr, sehr selten, aber diese Möglichkeit haben die Schwangeren und das würde ich dann in so einem Fall auch nutzen.

Und hat man nur Absagen von Hebammen bekommen, dann auch ruhig die Liste noch einmal von vorne abtelefonieren. Denn manchmal ergibt sich in den zwei, drei Wochen dazwischen noch eine Verschiebung im Kalender der Hebammen. Sollte sich wirklich keine Hebamme finden, dann dürfen die Frauen auf jeden Fall zu uns ins Mama-Café und zu mir in die Hebammen-Sprechstunde kommen, um so das eine oder andere dann da noch klären zu können.

Ihr bietet auch Kurse an für Sport in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Kannst Du kurz beschreiben, warum Du das für sinnvoll hältst?

Es ist für viele Frauen ein großes Bedürfnis, in der Schwangerschaft fit und beweglich zu bleiben. Geburt ist Schwerstarbeit und darauf kann man sich mit Sport gut vorbereiten. Wenn die Frauen vor der Schwangerschaft einen Sport gemacht haben, den sie jetzt vielleicht nicht mehr machen können oder da neue Grenzen wahrnehmen, dann ist das Schwangeren-Yoga eine gute Alternative. Die Frauen können gezielt Muskelgruppen, vor allem den Rücken, trainieren ohne sich zu überanstrengen. Es ist ein gezieltes Angebot für Schwangere, das bedeutet die Kursleiterin achtet sehr darauf, dass jeder sich mit seinen Möglichkeiten wiederfindet. Außerdem lernt man im Kurs andere Schwangere kennen. Viele Frauen möchten gerne schon vor der Geburt Kontakte mit anderen werdenden Müttern knüpfen.

Beim Rückbildungskurs und im Mama-Pilates für nach der Geburt steht meist der Wunsch im Vordergrund, mal wieder etwas für sich zu tun, auch mal ohne das Baby. Wenn das Baby zwei Stunden beim Papa bleiben kann, ohne dass die Brust der Mama immer in der Nähe bleiben muss, kann die Frau mal alleine raus gehen und einen Abend etwas Gutes für sich tun. Und nebenbei auch etwas für den Körper machen.

Kannst Du kurz die Aufgaben einer Hebamme, insbesondere der Nachsorge-Hebamme, beschreiben?

Die Nachsorge im Wochenbett erstreckt sich mittlerweile bis in die zwölfte Lebenswoche des Kindes. Am Anfang wird bei täglichen Besuchen die Rückbildung der Gebärmutter überwacht. Außerdem wird die Heilung aller Geburtswunden geprüft, falls ein Kaiserschnitt oder eine Dammnaht nötig waren. Der Kreislauf der Wöchnerin wird überwacht. Wenn sie stillt wird eine ausführliche Stillberatung gemacht und es wird geschaut, dass die Milchbildung gut in Gang kommt. Wir beobachten, dass keine wunden Brustwarzen oder ein Milchstau entstehen oder Hilfe geschaffen wird, wenn sich so etwas anbahnt.

Die Hebamme kontrolliert die Gewichtsentwicklung des Babys und die Nabelwundheilung sowie die Hautveränderungen, insbesondere im Windelbereich. Auch eine eventuell aufgetretene Neugeborenengelbsucht wird überwacht. Wir baden auch gerne auf Wunsch der Mamas das Baby, insbesondere wenn es das erste Baby ist.

Es geht also auch um ganz praktische Dinge, wie Hilfe bei Bauchweh oder Verdauungsproblemen und Ernährungsberatung für die stillende Mama. Schließlich werden alle Fragen der Eltern beantwortet. Das sind erfahrungsgemäß beim ersten Hausbesuch hundert und beim letzten Besuch nur noch eine. Dann werden wir überflüssig und das ist ja unser Ziel.

Zahlt die Krankenkasse die Leistungen der Hebamme?

Ja. Die Krankenkasse zahlt Beratung in der Schwangerschaft, Hilfe bei Beschwerden und Vorsorge. Das wissen viele Frauen nicht. Ich muss zur Vorsorge nicht zwingend zu einem Gynäkologen, sondern ich kann mir auch eine freie Hebamme suchen, die komplett die Vorsorgeleistungen erbringt, so wie es der Gynäkologe auch macht. Wir haben nur kein Ultraschall und dürfen auch kein Ultraschall durchführen. Das bedeutet, die drei Ultraschalluntersuchungen müssen bei einem Gynäkologen oder in einer Klinik gemacht werden. Die Vorsorge einschließlich Ultraschall zahlt die Kasse komplett. Ebenso die Geburtshilfe im Krankenhaus, Hausgeburten oder auch die Geburt in einer Hebammen-geleiteten Einrichtung wie zum Beispiel im Geburtshaus.

Außerdem übernimmt die Krankenkasse die Betreuung im Wochenbett und auch Ernährungsberatung für die Beikosteinführung. Also wenn die Zeit des Stillens oder der Flasche vorbei ist und das Kind soll langsam an Löffel und Familientisch gewöhnt werden, dann gibt es nochmal die Möglichkeit Beikostberatung in Anspruch zu nehmen.

Vielleicht am Schluss noch ein paar Fragen zu Dir: Wie lange bist Du schon Hebamme und Leiterin der Elternschule?

Ich bin Hebamme seit 1988, also schon seit 28 Jahren. Ich habe die ersten 15 Jahre schwerpunktmäßig im Kreissaal des Ketteler-Krankenhauses gearbeitet, auch in leitender Funktion. Nach der Geburt unserer beiden Kinder hatte ich auf dem Herzen, die Elternschule zu gründen. Ich habe das Konzept mit einer Gynäkologin hier im Haus präsentiert und die Klinikleitung war dafür sehr aufgeschlossen und hat letztlich der Umsetzung dieser Idee zugestimmt und sie voll unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin.

Seit 2004 bin ich Leiterin der Elternschule und gebe hier auch Kurse. Ich leite das Stillcafé und die Hebammen-Sprechstunde. Außerdem betreue ich die Referenten und erstelle das Programm. Nebenbei war ich aber immer auch freiberuflich tätig. Als Hebamme betreue ich etwa 50-60 Familien pro Jahr in der Schwangerschaft und für die Nachsorge.

Hast Du zum Schluss noch einen Tipp für werdende Eltern?

Nie Doktor Google befragen, sondern immer kompetente Vertrauenspersonen um Rat bitten. Früh eine Hebamme finden. Und immer wieder, in dem ganzen Wust an Informationen, entspannt auf dem Sofa sitzen und dem eigenen Bauchgefühl vertrauen. Vieles weiß man selbst am besten. Und was die Schwägerin gut fand muss für die Frau jetzt nicht das Richtige sein. Und was die beste Freundin empfiehlt kann man sich anhören, aber man muss es nicht umsetzen, wenn es für das eigene Gefühl nicht passt.

Also immer prüfen, zwischen den vielen Wegen die einem angeboten werden, wo ist eigentlich mein Weg. Und ganz viel Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und Ressourcen haben. Sich nicht verrückt machen lassen und keine Angst haben, was alles schief gehen kann, sondern erstmal davon ausgehen, dass alles gut wird. Und sich nicht so viel vornehmen und offen dafür sein, wenn es vielleicht nicht so nach Plan verläuft.

Ganz herzlichen Dank, Beate!

Die Kontaktdaten von Beate Raven finden Sie hier.

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